AKTUELLE LAGE IN AFGHANISTAN
ÜBERBLICK ÜBER DIE AKTUELLE ARMTSSITUATION IN AFGHANISTAN IM JAHR 2026
Afghanistan befindet sich auch fünf Jahre nach der erneuten Machtübernahme der Taliban im August 2021 in einer der komplexesten humanitären Krisen weltweit. Die heutige Situation ist das Ergebnis von mehr als vier Jahrzehnten Krieg und politischer Instabilität, wiederkehrenden Naturkatastrophen, struktureller Armut und einer seit 2021 drastisch veränderten politischen und wirtschaftlichen Ordnung.
Nach dem Zusammenbruch der international unterstützten Republik im August 2021 übernahmen die Taliban erneut die Kontrolle über das Land. Internationale Geber stellten daraufhin einen Großteil der nicht-humanitären Entwicklungsfinanzierung ein; afghanische Staatsreserven wurden teilweise eingefroren und das Bank- und Finanzsystem stark vom internationalen Zahlungsverkehr isoliert. Ein Staat, dessen öffentliche Dienstleistungen zuvor in hohem Maße von internationaler Finanzierung abhängig waren, verlor damit innerhalb kurzer Zeit wesentliche Einnahmequellen. IRC bezeichnet diese Kombination aus jahrzehntelangem Konflikt, wirtschaftlichem Zusammenbruch und Naturkatastrophen als zentrale Ursache der gegenwärtigen Krise.
Humanitäre Krise und Ernährung
Für 2026 benötigen schätzungsweise 21,9 Millionen Menschen, darunter 11,6 Millionen Kinder, humanitäre Unterstützung – fast die Hälfte der Bevölkerung. Afghanistan erlebt gleichzeitig eine der schwersten Hunger- und Ernährungskrisen weltweit. Das World Food Programme geht davon aus, dass 17,4 Millionen Menschen dringend Nahrungsmittelhilfe benötigen; 4,9 Millionen Frauen und Kinder werden 2026 von Mangelernährung betroffen sein bzw. eine entsprechende Behandlung benötigen. Zwölf Provinzen weisen inzwischen kritische Werte akuter Mangelernährung bei Kindern auf – so viele wie nie zuvor.
Action Against Hunger (ACF) beschreibt hohe Lebensmittelpreise, Arbeitslosigkeit, Dürre, Überschwemmungen und mangelnden Zugang zu medizinischer Versorgung als zentrale Faktoren. Bereits 2025 waren rund 3,5 Millionen Kinder akut mangelernährt; insbesondere in abgelegenen ländlichen Regionen ist medizinische Versorgung nur schwer erreichbar.
Die Situation wird durch massive Rückkehrbewegungen zusätzlich verschärft. 2025 kehrten rund 2,9 Millionen Afghaninnen und Afghanen aus Iran und Pakistan zurück, viele davon unfreiwillig oder unter großem Druck. Allein bis zum 1. August 2026 kamen weitere rund 1,08 Millionen Menschen zurück. Gemeinden, Wohnraum, Gesundheitssystem, Arbeitsmarkt und Wasserversorgung sind mit dieser Geschwindigkeit vielfach überfordert. NRC warnt deshalb vor einer Überlastung der ohnehin unzureichend finanzierten humanitären Hilfe und vor fehlenden langfristigen Perspektiven für Rückkehrende.Wirtschaftliche und soziale Lage
Die afghanische Wirtschaft wächst inzwischen wieder leicht: Die Weltbank schätzte für 2025 ein reales BIP-Wachstum von 4,8 %. Dieses Wachstum verbessert die Lebensbedingungen jedoch kaum. Durch starkes Bevölkerungswachstum und die hohe Zahl an Rückkehrenden sank das BIP pro Kopf um etwa 5,6 %; Inflation, hohe Lebensmittelpreise, fehlende Investitionen und eingeschränkter Zugang zu Finanzierung belasten Haushalte und Unternehmen weiterhin.
Gleichzeitig gehen internationale Hilfsgelder zurück. Dadurch müssen humanitäre Organisationen Leistungen reduzieren, obwohl der Bedarf steigt. Save the Children berichtet beispielsweise, dass aufgrund sinkender Finanzierung fast 600 Gesundheitseinrichtungen geschlossen wurden, während etwa jedes zehnte Kind akut mangelernährt ist.
Frauen, Mädchen, Bildung und gesellschaftliches Leben
Besonders einschneidend ist die systematische Einschränkung der Rechte von Frauen und Mädchen. Afghanistan ist weiterhin das einzige Land weltweit, in dem Mädchen faktisch keine Sekundar- und Hochschulbildung besuchen dürfen. Seit 2021 wurden mehr als 2,6 Millionen Mädchen von weiterführender Bildung ausgeschlossen.
Frauen sind zudem in weiten Teilen vom öffentlichen Leben und vielen Berufen ausgeschlossen bzw. ihre Bewegungsfreiheit ist stark eingeschränkt. Dies betrifft auch die humanitäre Hilfe: Beschränkungen für weibliche NGO-Mitarbeitende erschweren insbesondere den Zugang von Frauen zu Gesundheits-, Ernährungs- und Schutzangeboten. CARE weist darauf hin, dass gerade weibliches Personal notwendig ist, um Frauen und Mädchen überhaupt erreichen und versorgen zu können.
Die Folgen sind langfristig gesellschaftlich und wirtschaftlich gravierend. UNICEF schätzt, dass die Einschränkungen von Bildung und Erwerbsarbeit Afghanistan bereits mindestens 84 Mio. US-Dollar Wirtschaftsleistung pro Jahr kosten und dass bis 2030 bis zu 20.000 Lehrerinnen und 5.400 weibliche Gesundheitsfachkräfte fehlen könnten.
Afghanistans Krise ist damit nicht allein eine Folge von Armut oder Naturkatastrophen, sondern das Ergebnis eines Zusammenspiels aus jahrzehntelangem Konflikt, wirtschaftlicher Isolation, Klimaschocks, sinkender internationaler Hilfe, Massenrückkehr aus Nachbarstaaten und einer zunehmenden gesellschaftlichen Ausgrenzung von Frauen und Mädchen. Humanitäre Organisationen warnen, dass kurzfristige Nothilfe allein nicht genügt: Ohne verlässliche Finanzierung, Zugang zu Bildung und Gesundheitsversorgung sowie wirtschaftliche Perspektiven droht sich die Krise dauerhaft zu verfestigen.
Weiterführende Informationen
Action Against Hunger (ACF): Afghanistan – Action Against Hunger
CARE International: CARE – Afghanistan / News & Stories
International Rescue Committee (IRC): IRC – Afghanistan Crisis
Norwegian Refugee Council (NRC): NRC – Afghanistan
Islamic Relief Worldwide: Islamic Relief – Afghanistan
Save the Children International: Save the Children – Afghanistan
UNICEF – Humanitarian Action 2026: Afghanistan Humanitarian Action for Children 2026
World Food Programme: WFP – Afghanistan Emergency
UNHCR – Afghanistan Situation: UNHCR Afghanistan Data Portal
World Bank: Afghanistan Development Update 2026
Am Lusbühl 26, 79110
Freiburg im Breisgau, Deutschland
Kabul, Afghanistan

